02:22 Uhr
In memoriam an einen lieben Menschen

Norbert Heintsch
*12.06.1960 -
† 02.11.2011

Viele werden vielleicht zum Frühstück, wenn sie die Zeitung durchblättern, die Todes- und Traueranzeigen sehen, lesen oder einfach überspringen. Bei sehr vielen Anzeigen, die man dann doch liest, weiß wohl niemand, wer überhaupt verstorben ist und welches Schicksal sich verbirgt. Ich möchte, auf meiner Art der Trauerbewältigung ein menschliches Schicksal nahe bringen, aufrütteln, kritisieren, ein gesellschaftliches Tabuthema ansprechen, mahnen und einfach nur verbittert sein.

Ouroborus
Dieses Symbol findet man auch in Form der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Diese Schlange gilt auch als Symbol der Weisheit und des ewigen Lebens.
Mein Bruder Norbert war ein ganz normaler Mensch. Viele hätten vielleicht gesagt mit wenig Interessen und Zielen. Er liebte es den Haushalt in Ordnung zu halten, sich um unsere Mutter (80) zu kümmern, viel fernzusehen, Kreuzworträtsel zu lösen und frönte einem Laster, gern eine Zigarette zu rauchen. Nach einer schweren Bauchspeicheldrüsen Operation vor 5 Jahren, gerade noch dem Gevatter Tod von der Schippe gesprungen, war er bis vor einem Jahr zufrieden. Und wer kann dies schon immer von seinem Leben sagen. Zu jener Zeit wurde meinem Bruder schlecht, er fiel hin und wurde ins Krankenhaus überwiesen. Hier, nach einer gründlichen Untersuchung kam die Diagnose, die sehr viel veränderte und sehr viel Kummer und Leid hervorbrachte.
Bronchialkarzinom
Diagnose: Zwei kleinere Tumore (die berühmten Schatten) im Bereich Magen und Lunge – Bronchialkarzinom, oder besser bekannt als Lungenkrebs.
Norbert erzählte uns, dass er nach der Visite und der Mitteilung über diese Diagnose, sich im WC einschloss und für ca. 30 Minuten still weinte. Er stellte sich dabei, und uns später, die immerwährende Frage:
Sagt mir, warum gerade ich. War ich wirklich so ein schlechter Mensch?
In einschlägiger Fachliteratur kann man trocken nachlesen, das die kontinuierliche Belastung der Bronchien durch das Rauchen das Risiko steigert, an einem Lungenkarzinom zu erkranken. Bei Männern sind bis zu 90 %, bei Frauen zurzeit bis zu 60 % der Lungenkrebserkrankungen auf das aktive Rauchen zurückzuführen. Der Zigarettenrauch bzw. die darin enthaltenen Stoffe schädigen die Schleimhaut und können damit die Entartung der Schleimhautzellen fördern. Rund 16 % aller Männer und 9 % aller Frauen, die rauchen, erkranken an Lungenkrebs. Das Risiko eines Lungentumors steigt mit der Anzahl der Zigaretten, der Dauer des Rauchens, der Teer- und Nikotinkonzentration der Zigaretten und der Häufigkeit des Passivrauchens. Verdoppelt sich die täglich gerauchte Zigarettenzahl, steigert sich auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, auf das Zweifache. Verdoppeln sich die "gerauchten Jahre", ist das Risiko fünf- bis sechsfach höher. Zehn bis 15 % der Patienten mit Lungenkrebs sind Nichtraucher.
In Namen des Lebens werden Sie zum Tode verurteilt …
Sicherlich weiß jeder Raucher, dass wenn man raucht, an Lungenkrebs erkranken kann. Hand aufs Herz, frage aber einmal einen Raucher und weise ihn darauf hin. Es kommt immer wieder: "Mir geht es doch gut; so viel Rauche ich ja auch nicht; selbst Nichtraucher können Lungenkrebs bekommen."
Für mich persönlich ist der Vergleich mit einem zu Tode verurteilten Straftäter derselbe. Für die jahrelange Tat, seinen Körper zu schädigen, erhält man, nach einem unbekannten Auswahlverfahren, vom Richter Leben die Todesstrafe. Man wird eingesperrt in die Todeszelle Körper, erhält keine letzte Mahlzeit, keinen letzten Wunsch und weiß (oder auch nicht), es gibt kein Entrinnen. Soviel man auch selbst oder seine Familie Berufung einlegt, der Gouverneur Krebs ist unerbittlich hart und hebt die ausgesprochene Strafe nicht auf. Im Gegenteil, er beschleunigt den Verfall der Todeszelle und somit den Hinrichtungszeitpunkt. Aber dies reicht dem Strafsystem Leben nicht aus.
Man redet nicht Öffentlich darüber
Neben dem zum Tode verurteilten, wird dieser noch zusätzlich bestraft mit Ignoranz der Gesellschaft und unerbittlich teurer Gesundheitsmedizin, die außer Linderung der unerträglichen Schmerzen den Betreffenden den letzten Cent kostet und an ihre Grenzen stößt. Denn eines bin ich mir heute sicher. Werde in Deutschland niemals krank und habe gleichzeitig kein Einkommen oder Vermögen. Dann bist du nur noch gesellschaftlicher Abfall, um den sich niemand mehr kümmert. Wir leben in einer Zeit, wo global denken wichtig ist, Länder mit Billionen von Euros wieder zu gesunden, die sich erst selbst durch Korruption und Misswirtschaft in diese Lage brachten. Eurobond, Euro-Rettungsschirm, Euro-Hebel … lächelnde Staatsfrauen und Männer, die globale Lösungen gefunden haben. Einer Bad Bank, die sich mal um lächerliche 55,5 Milliarden verrechnen und unser Wolfgang, der mit einem kleinen schäbigen Lächeln noch etwas Gutes daraus abgewinnt. Ich glaube hier wäre einmal im Jahr für unsere Politikerinnen und Politiker ein sozialer Monat angebracht. Ein Wolfgang Schäuble, der in einem Plattensilo, wo ständig der Fahrstuhl defekt ist, mit einem ALG2-Regelsatz leben muss; eine Ursula von der Leyen, die 8 Stunden im Schichtsystem am Fließband steht, wo man keine Vergütungen mehr im Interesse des Unternehmens erhält. Mal schauen, ob sie dann: "Arbeiten bis 67" noch cool findet; einen Philipp Rösler, der in einem Hospiz für Schmerzpatienten jobbt usw. Back to Basic! Uninteressant hingegen der einzelnen Menschen im eigenen Staat, der im Regen allein stehenlassen wird, der im globalen Kampf des Geldes an Wichtigkeit verliert. Und das berühmte Sprichwort, das nur der Tod umsonst ist, stimmt auch nicht ganz. Denn außer dem Leben kostet der Tod die Zahlungen von Chemo, Morphin-Spritzen, Krankenhausaufenthalte und Bestattungskosten Stufe: "Keine Ansprüche" in Höhe von ca. 4.000,00 Euro.
Aber bedenkt, wenn wir bei meinem Vergleich mit der Todesstrafe bleiben wollen, Norbert hat niemanden umgebracht und will auch nicht sterben! Verbitterung? Ja natürlich! Sicherlich kann Frau Bundeskanzlerin nicht zu jeden Krebskranken fahren und Hoffnung spenden. Aber die Gesellschaft, das Gesundheitssystem, lässt diese Menschen und deren Angehörige fallen und in ihren Leidensweg allein. Hier wird auch wieder überdeutlich unsere Zweiklassengesellschaft Reich-Arm. Wer kein Geld hat, nicht privat versichert, kein Einkommen oder Vermögen wird zum Sterben abgeschoben. Krankenhäuser und Chemo-Therapeuten sind mehr interessiert, das Geld für ihre Behandlung auf Heller und Pfennig zu erhalten, als den Menschen mit zu therapieren, auf den Leidensweg vorzubereiten und hier in diesen Prozess auch die Familie einzubinden. Hier würde ich mir für Menschen, die durch eine Krankheit zum Tode verurteilt sind, einen "sozialen Menschen-Rettungsschirm" wünschen.
Es sollte doch jeder, egal ob arm oder reich, in Würde leben aber insbesondere auch in Würde sterben dürfen. Gerade die Menschen, die vom Leben so hart bestraft werden.
Und was niemand zum Zeitpunkt weis, auch der Familienverbund wird schleichend in das Todesurteil mit aufgenommen und nichtsahnend integriert. Man wird in das kalte Wasser Krebserkrankung geschuppst, ohne genau zu kennen, was auf alle darauf zukommt. Die zukünftigen Leiden, unerträglichen Schmerzen, emotionale Schübe, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, charakterlichen Veränderungen, die man zukünftig still teilt, weil man selbst einen rasant verwelkenden Menschen Hoffnung und Zuversicht geben muss. Denn zu diesem Zeitpunkt waren wir uns ja alle sicher, es ist im Anfangsstadium diagnostiziert wurden und dieser übermächtige Gegner kann mittels einer Chemo-Therapie zumindest gestoppt werden.

Ein Schmetterling als Symbol der Auferstehungshoffnung
Die Passion eines Menschen
Nach der Diagnose und wieder zu Hause begann die erste Chemo-Therapie. Vereinfacht übersetzt bedeutet der Begriff Zytostatikum "Zellstopper": Solche Substanzen hindern Zellen an der Teilung und bringen sie zum Absterben. Mögliche Nebenwirkungen: Haarausfall, Nagelschäden, Schleimhautprobleme, Blutbild, Übelkeit, Müdigkeit, Erschöpfung und Depression.
Die erste Chemo dauerte mit kleinen Unterbrechungen ca. 8 Wochen, da eine Chemo nur vorgenommen werden kann, wenn das Blutbild stimmt. Wir waren alle sehr optimistisch. Natürlich reagiert jeder Körper anders auf diese Behandlung und wir hatten durch Uwe Berger leider auch einen Vergleich. Aber bei der ersten Chemo hat mein Bruder Norbert keine Beschwerden oder Probleme. Wir sahen es alle sehr entspannt und optimistisch.
Die zweite Chemo, normalerweise 6 Sitzungen über einen Zeitraum von 6 Wochen, wo die Behandlung per Infusion (je bis 6 Stunden) erfolgte, wurde jetzt immer öfters unterbrochen, weil die Blutwerte im Keller waren. Häufig war jetzt der Gang zum Chemo-Arzt nur zur Blutwertbestimmung mit Anschließendem nach Hause gehen ohne Infusion. Wenn jetzt doch eine Sitzung vorgenommen wurde, stellten sich die ersten Nebenwirkungen ein. Norbert verspürte erstmals beim Gehen einen aufkommenden Schmerz im Bereich der Beine, so dass er jetzt nicht mehr große Strecken ohne Pause laufen konnte. Ab März folgten auch die ersten Anzeichen von Übelkeit und Essstörungen. Vonseiten der Ärzte bekam Norbert jetzt Tabletten zum körperlichen Aufbau. Das Haar wurde immer dünner und man merkte, das mit Anhalten der Unterbrechung der Chemo auch ein gewisser Gewichtsverlust verbunden war. Das war aber alles nichts, denn mit dem Anfang des Jahres 2011, setzten jetzt die Schmerzen ein, die sich im ganzen Körper fundamentierten. Man muss sich das vorstellen, das er Schmerzen hatte von Früh bis abends und von abends bis früh. Sicherlich bekam er Schmerzmittel, die aber mit der Dauer der Einnahme und der Intensität der Schmerzen fast oder nur einen kurzen Zeitraum Linderung verholfen.
Als dann Ende August das Blutbild stimmte, erhielt Norbert wieder eine Sitzung mit dem Ergebnis, das er kurz benommen und ohnmächtig vom Behandlungsstuhl stürzte. Er wurde sofort ins Krankenhaus überführt und hier in einer Spezialklinik für Krebserkrankung. Hier wollte man entweder die Chemo unter Aufsicht stationär weiterführen oder gar Prüfen, ob eine OP infrage käme. Hier kam dann nach 10 Tagen die Ernüchterung. Der Krebs hatte mittlerweile eine Größe von 4 x 13 cm in der Lunge erreicht und die Diagnose lautet: unheilbar, Finalstadium Krebs. Wir waren alle wie gelähmt. Norbert eher anteilnahmslos, still, apathisch.
Ab dieser Diagnose und dem Monat September ging die Passion erst richtig los. Jeden Tag der Schmerz bis zur brüllenden Ohnmacht. Die Tabletten bzw. Morphin-Pflaster halfen nicht mehr und mit Anfang Oktober wurde Morphin gespritzt. Erst dreimal am Tag, ab Mitte Oktober viermal. Jetzt setzte auch für alle sichtbar rasant und gnadenlos der unaufhaltbare körperliche Verfall ein.
Oktober
⇒ (Ärztin kommt aller 14 Tage, Lebenserwartung ca. 6 Monate)
⇒ 1. Woche – 56 kg
⇒ 2. Woche – 52 kg
⇒ 3. Woche – 49 kg
⇒ 4. Woche – 47 kg
November
⇒ 1. Woche – 44 kg
Tabuthema: Medizin an den Grenzen?
Ich weiß nicht, ob jemand sich vorstellen kann, Schmerzen zu haben, wahnsinnige Schmerzen zu haben, dass einem die Tränen herunterrinnen im wachen, aber auch im schlafenden Zustand, dass man nicht geradestehen kann. Keine Tabletten helfen und man möchte aber den Patienten Linderung verschaffen. Morphin ist dabei die einzige Lösung. Nebenwirkung, man ist ständig auf einem Drogen-Trip, entweicht der Realität, lebt in seiner eigenen Welt und verändert seinen Charakter. Aber ohne dieses ständige Zudröhnen wären die Schmerzen nicht aushaltbar.
Die letzten Tage
Am Sonntag, dem Tag der Deutschen Einheit, stand Norbert am Abend das letzte Mal aus eigener Kraft von seinem Krankenlager auf und stürzte (wie so oft) sofort auf den Boden. Sein Körper war durch diese Stürze schon mit sehr vielen blauen Flecken gekennzeichnet und malträtiert. Trotz dieser Leiden hatte mein Bruder immer wieder das Verlangen mit eigener Kraft sich zu bewegen – menschlich zu leben. Meine Mutter musste ihm zum WC schleppen und bemerkte, dass erstmals sich Blut im Stuhlgang befand.
Nach dem Aufstehen ging meine Mutter immer gleich zu meinem Bruder, um ihn wie jeden Tag zu wecken. Meine Mutter sagte mir:
"Egal was er zu mir sagte, ich war immer froh, dass er früh antwortete."
Dieser Morgen war anders. Norbert antworte nicht und öffnete seine Augen nicht mehr. Meine Mutter verständigte die zuständige Schwester. Norbert war nicht mehr ansprechbar oder reagierte mit einer Art Knurren auf verbaler Sprache. Er stöhnte immer, als wenn er Schmerzen hätte, wackelte sporadisch mit dem rechten Bein und fasste sich mit dem linken Arm immer wieder an den Bauchbereich. Ab Montag blieb über Nacht eine Schwester vom Hospiz, damit meine Mutter wenigsten sich etwas erholen konnte. Dienstag dasselbe unveränderte Bild. Jetzt setzten auch, mittlerweile wurde er gewickelt, Blutungen im Stuhl und Urin sowie aus dem Penis und After ein.
Am Mittwoch kam die Ärztin der Klinik für Schmerzpatienten wieder zur Visite. Trotz ihrer Bemühungen war Norbert nicht mehr ansprechbar. Jetzt wurde auch die Dosis der Morphin-Spritzen von 4 auf 6 je Tag angehoben, da er unvorstellbare Schmerzen haben musste und zumindest ruhig gestellt werden sollte. Meine Mutter bezog mittlerweile ihren Platz in einem Sessel an der Seite des Krankenlagers. Sie sollte mit Norbert ständig sprechen und ihm streicheln, da er trotz seiner Unruhe es im Unterbewusstsein mit bekäme und es eine große Hilfe sei in seinem Lebenskampf.

Finalstadium Krebs – Norbert Heintsch 2011
Die Diagnose der Ärztin war niederschmetternd. Lebenserwartung: wenige Stunden bis einen Tag. Der Krebs hatte Norbert von innen völlig aufgefressen.
Der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 13, 13:
"Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe."

Am Mittwoch gegen 18:10 Uhr, ich schrieb gerade an einen Freund eine E-Mail, schrillte das Telefon und ich las im Anzeigenfeld: Mutter. Mit mulmigem Gefühl nahm ich ab und meine Mutter meldete sich mit tränenaufgelöster Stimme, dass Norbert gerade neben ihr gestorben ist. Sie hatte ihm die Hand gehalten, ihm irgendetwas erzählt, die Krankenschwester wollte die nächste Dosis Morphin spritzen, als er einfach aufhielt zu atmen. Sie sprach noch:
"Norbert komm, atmen musst Du schon noch, vergiss es doch nicht" …
… aber der geschundene und verwelkte Körper hatte den Kampf gegen den übermächtigen Gegner aufgegeben, nichts mehr entgegenzusetzen.
Meine Frau Sylvia und ich fuhren sofort nach Oelsnitz, um uns wenigstens noch von Norbert verabschieden zu können. Ich hatte Angst. Angst vor dem, was ich sehen werde, welches Ergebnis der Krebs erzielt hat und wie meine Mutter dies verkraftet. Wir kamen in Oelsnitz an und gingen in die Wohnung. Mit Öffnen der Wohnungstür hatte man schon den Blick auf Norberts Sterbelager. Denn sein Zimmer war geradezu am anderen Ende des kleinen Flures.
Was ich sah und fühlte, war unbeschreiblich.
Bevor man überhaupt sein Zimmer betrat, konzentrierte sich der Blick auf Norbert, von dem aus eine dominierende nicht näher zubeschreibende Ausstrahlung den ganzen Raum überflutete. Fast mit einem faden weißen Licht vergleichbar. Obwohl sein Körper von der Krankheit gezeichnet war, außer Knochen und Haut nicht mehr viel übrig blieb, gingen Ruhe und Frieden von ihm aus, der sich niemand entziehen konnte. Als wenn uns eine Lektion erteilt wird und wir gesagt bekamen: "Schaut her, das ist nur die irdische Hülle. Schaut her, Ihr müsst keine Angst haben vor dem Tod. Der Tod ist nur das Ende des irdischen Lebens. Es geht mir jetzt gut, trauert und vergesst mich nicht." Ich fasste nach seiner Hand, strich ihm sanft über die Stirn und verabschiedete mich von meinem Bruder Norbert. Ich hatte endlich wieder meinen inneren Frieden gefunden.
Warum gerade ich. War ich wirklich so einschlechter Mensch?
Warum gerade Du Norbert, weiß ich nicht. Aber ein schlechter Mensch warst Du bestimmt nicht. Ich bin kein gläubiger Mensch! Meine mich ständig quälenden Fragen: warum gerade Du? Woran stirbt man elendig als Krebspatient im letzten Stadium der Krankheit beim heutigen Stand der Medizin? An den Behandlungen, weil der Köper oder die Organe das einfach nicht mehr schaffen; verhungert man, weil man nichts mehr drin behält; oder eher an multiplem Organversagen. Stück für Stück. Eine Sepsis? Warum müssen so viele Menschen mit "hoffnungsloser" Prognose noch so leiden, jegliche Lebensqualität beraubt werden? Warum lässt die Gesellschaft diese Menschen im Stich, wendet sich ab? … usw.
Ich weiß auf vieles keine Antworten, verspüre selbst aber nur schmerzenden Kummer, Trauer und brennende Tränen.
Der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, 20 – 21:
"Nun aber ist Christus vom Tod auferweckt worden, und als der erste Auferweckte gibt er uns die Gewähr, dass auch die übrigen Toten auferweckt werden. Durch einen Menschen kam der Tod. So kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung vom Tod. Alle Menschen gehören zu Adam, darum müssen sie sterben; aber durch die Verbindung mit Christus wird ihnen das neue Leben geschenkt werden."
Wir stehen heute da und entzünden eine Himmelslaterne. Wir schicken sie zu Dir gen Himmel und ich rufe Dir heute in alter erzgebirgischer Bergmanns-Tradition ein letztes Mal still in mich gekehrt zu:
"Glück Auf – Norbert!"
Glück auf den Weg in eine bessere Welt ohne unbeschreibbare Schmerzen, körperlichen Verfall und irdische Sorgen. Aber ich hoffe, das, wenn mein letzter Vorhang fällt, Du mit allen anderen vor mir gegangenen Lieben am Ende des Lichtes stehst und mir milde lächelnd sagst: "Habe keine Angst, hier geht es Dir gut. Komm, ergreife meine Hand!"
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Dein Bruder Steffen
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Wem dieses berührt hat, ein Zeichen der Nächstenliebe setzen will, sende eine dunkle rote Rose mit einem trostspendenden Zitat an meine Mutter, die stellvertretend für alle Mütter, ihr Liebstes – ihr Kind – in Leid und Elend einer heimtückischen Krankheit gepflegt, versorgt, bis zum Ende Hände halten und Zuspruch sprechend begleitet hat.
Hildegard Heintsch
Aug.-Beb.-Str. 14
09376 Oelsnitz/Erzg.
Wer dieses liest und etwas Verständnis aufbringen kann, schaut nicht angewidert oder gar belustigt weg, wenn Ihr einen Menschen seht, der anders ist. Lächelt freundlich und grüßt.
Wem das Schicksal meines Bruders nahe gegangen ist, zündet das nächste Mal eine Kerze für ihn mit an und schließt alle Kranken in Eure Gebete ein …
… bevor wir wieder global denken.
Tags: Krebs im Endstadium, Krebs und Tod, Morphin-Spritzen, Norbert Heintsch, Norbert Heintsch Oelsnitz/Erzg., Warum gerade ich?

